Florian Sitzmann: Sportler, Buchautor und Motivations-Speaker

Apr 05, von Goalify in Interviews

Florian Sitzmann ist ein deutscher Sportler und Buchautor. Bekannt ist er für seine Erfolge als Handbiker bei internationalen Wettbewerben wie den Paralympics.

Erzähle mir etwas über deinen Werdegang!

Wie fange ich da am besten an? Ich steige bei meinem Unfall ein, weil dieser mich von meinem damaligen Schülerleben über Nacht auf einen anderen Weg brachte. Das war 1992: Ich wollte eigentlich nach der Schule einen handwerklichen Beruf, wie Schreiner, erlernen, denn ich bin kreativ Ader und habe handwerkliches Geschick.

Dann kam jedoch der Unfall: Ich war in Holland mit einem Freund unterwegs auf dem Motorrad – eigentlich wollte ich dort ein Mädchen treffen, das ich zuvor kennengelernt hatte. Jedoch war sie nicht da und stattdessen haben wir etwas Party gemacht und getrunken. Am nächsten Morgen sind wir nach Hause gefahren, haben total verschlafen und auch das Wetter war schlecht. Wir sind auf das Motorrad gestiegen und bis in die Nacht gefahren. Kurz vor der Ankunft haben wir getankt, wir waren müde und erschöpft und wollten nur schnell nach Hause. Wir sind auf die Autobahn aufgefahren - weil es geregnet hatte, war die Sicht schlecht - mein Freund der das Motorrad fuhr, kam zu weit nach links und hat nicht bemerkt, dass ein LKW von hinten kam. Das Motorrad kippte um, und ich fiel direkt unter den Laster, der dann zweimal über mein Becken gefahren ist. Ich war noch lange wach auf der Autobahn und konnte nicht aufstehen. Nach 45 Minuten bin ich ohnmächtig geworden, und mit dem Hubschrauber in die nächste Klinik gebracht worden, wo mir meine Beine sofort amputiert wurden.

Dann kam es zu einer wahren Krankenhaus-Odyssee, was sehr anstrengend und schmerzhaft war und dann die Rehabilitation - das dunkelste Kapitel meines Lebens. Ich war topfit und sehr dynamisch, jedoch konnte ich dort nicht viel lernen. Ich wollte mich erst einmal mit dem Rollstuhlfahren beschäftigen und das üben, damit ich mich draußen gut bewegen kann.

Und ich musste im Grunde alles neu erlernen. Meine Welt war quasi einmal zurückgesetzt auf null. Das Schwierigste war jedoch unsere Gesellschaft: Ich habe mich entschieden rauszugehen, mich von Anfang an ins kalte Wasser zu werfen - ich wurde angesprochen und natürlich angeglotzt. Eine anstrengende Zeit, die viel Kraft gekostet hat. Heute ist das schon lange kein Problem mehr für mich, aber am Anfang war es hart. Ich habe immer versucht, die Situationen mit viel Humor und der nötigen Portion Selbstironie zu nehmen.

Was hat dich ermutigt dranzubleiben?

Durch das Dranbleiben, hast du eine realistische Chance, dass du dein Ziel erreichen kannst.

Mein Lebensretter war, dass ich ständig eine Perspektive und ein Ziel vor Augen hatte. Du brauchst immer etwas Greifbares, worauf du hinarbeiten kannst. Entweder willst du dich besser fühlen, deinen Körper formen, ein berufliches Ziel verfolgen und erreichen – egal was es ist- Hauptsache, es macht dich glücklich. Ich mache den ganzen Tag viele Dinge und denke sehr oft: Schade, dass mein Leben nicht noch länger ist, für all die vielen Dinge, die ich gerne machen möchte, all die vielen Ideen, die ich habe und gerne umsetzen will.

sitzmann

Wie ging es bei dir dann weiter?

Ich habe beruflich viel ausprobiert: Ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht, habe für ein Kunstprojekt gearbeitet, habe in einem Nachtclub gearbeitet, und als Pressesprecher von Hessens größtem Musikfestival, dem „Schlossgrabenfest“, gearbeitet. Somit habe ich sehr viele interessante Erfahrungen gemacht. Ich wollte Pionier und Vorreiter sein.

Dann habe ich irgendwann begonnen, Bücher zu schreiben und Veranstaltungen zu organisieren, wo ich alltägliche lustige Geschichten, die mir so passieren, aufbereite und die Leute zum Lachen bringe. Das Ziel ist, dass bei den Menschen, die das lesen oder hören, ein Film im Kopf entsteht. Das Beste daran ist, dass immer Geschichten dazu kommen oder ich Geschichten neu entdecke. So bleibt die Sache auch für mich spannend.

Ich habe mich als Autor selbstständig gemacht, habe Podiumsdiskussionen, TV-Shows und alles Mögliche mitgestaltet bei dem meine Anwesenheit erwünscht war und ist. Zwischendrin betrieb ich Leistungssport, der sehr wichtig für mich war. Anfang 20 war ich ja ein sehr wilder Kerl – da musste ich meine Kräfte loswerden und der Sport war sehr hilfreich dabei. Ich war international mit dem Handbike erfolgreich, habe dann ein paar Medaillen gewonnen, war deutscher Meister und Vizeweltmeister. Auch habe ich Streckenrekorde aufgestellt, zum Beispiel einmal über die Marathondistanz und später über eine bedeutende Langstrecke. Das waren 540 km, die ich am Stück in Norwegen von Trondheim nach Oslo gefahren bin. Ich war 30,5 Stunden nonstop unterwegs. Ich würde das wohl in dieser Art und Weise nicht mehr machen. Es ist auch nicht nötig, den der Sieg und Erfolg von damals trägt mich immer noch durch die Wellen des Alltags.

Es war mein Ziel, einen Weltrekord aufzustellen, der meiner Meinung nach bis heute ungebrochen ist. Ich habe mich ein Jahr darauf vorbereitet und habe nichts anderes getan als mich auf diese Mamut Distanz zu fokussieren. Es war eigentlich ein traditionelles Fahrradrennen und ich war der erste Handbiker, der dort über die Ziellinie fuhr. Ich landete damals von 4500 Startern auf Platz 1700. Der Unterschied war, ich fuhr die Strecke mit Armkraft, alle anderen regulär mit den Beinen.

Ich erzähle diese Geschichte immer sehr gerne, weil es um Motivation, Disziplin und um viele Emotionen geht. Das Glücksgefühl das man damit erleben kann, gebe ich gerne weiter.

Wie bist du drangeblieben?

Es gab 2 Gründe: Meine Olympia-Teilnahme war eine große Enttäuschung. Eigentlich hätte ich dort mindestens Silber gewinnen können, doch leider versagte mein Material während des Rennens und ich war gezwungen abzubrechen. Das war das tiefste Motivationstal, das ich je erlebt habe, denn ich habe mich ein ganzes Jahr seriös darauf vorbereitet und alles investiert. Nach der Pleite habe ich ein Jahr erst mal gar nichts gemacht, bis ich schließlich dieses Rennen in Norwegen fahren wollte, um mich selbst davon zu rehabilitieren. Ich wollte mir beweisen, dass ich das schaffen kann und in der Szene das Non-plus-Ultra bin. Und es hat geklappt!

Der zweite Grund war, dass damals einige Monate später ein Kinderprojekt, das Xavier Naidoo ins Leben gerufen hatte gestartet ist. Mit meinem Rennen sammelte ich Sponsorengelder und konnte das Projekt mit anschieben. Da das so ein wichtiges Projekt ist, das Kinder in einem sozialen Brennpunkt unterstützt, bin ich drangeblieben und ein weiteres Mal über mich hinausgewachsen. Durch regelmäßige Besuche dort, möchte ich den Kindern mitgeben, dass dranbleiben immens wichtig ist. Durch das Dranbleiben, hast du eine realistische Chance, dass du dein Ziel erreichen kannst.

Und eine Sache die jeder schaffen kann ist: über sich hinauszuwachsen. Es gibt keinen besseren und positiveren Motor als das.

Welchen Stellenwert haben Ziele für dich?

Wenn du keine Ziele hast, dann kannst du aufhören. Wenn du morgens nicht das Ziel hast, dass du abends vom Tag erfüllt in dein Bett fällst, kann es schwierig werden. Jeder braucht eine Aufgabe in seinem Leben, mit der er auch automatisch Ziele für sich hat. Die Aufgabe hängt natürlich auch davon ab, wohin du dich in unserer Gesellschaft bewegen möchtest und wie grundsätzlich das Bild Deines Lebens aussieht. Ziele sind wichtig, sonst kommt man ja nicht weiter. Du brauchst kurz-, mittel- und langfristige Ziele, bei denen Du Dir die Bestätigung und Freude für deinen nächsten Schritt holst.

Ich glaube, dass man nicht alles erreichen kann was man sich im Laufe seines Lebens so vornimmt. Für manche Dinge braucht es vielleicht etwas, das Talent heißen könnte. Manch einer kann das aber auch durch Fleiß und Disziplin kompensieren. Positiv denken, an sich glauben darf man immer. Dann geht es auch weiter. Und eine Sache die jeder schaffen kann ist: über sich hinauszuwachsen. Es gibt keinen besseren und positiveren Motor als das.

Was sind deine persönlichen Ziele?

Mein Ziel ist es, noch bessere Veranstaltungen zu präsentieren und die Gästezahl zu erhöhen. Insgesamt möchte ich aber weniger Veranstaltungen machen, damit die Qualität gleich hoch bleibt. Ich brauche nach einer Veranstaltung immer Zeit, um mich aufzutanken – das kann ich nicht fünf Mal die Woche machen, denn dann könnte ich auch das Ganze nicht mehr genießen.

Hast du noch einen abschließenden Motivationstipp?

Es ist wichtig zu erkennen, dass du der Einzige bist, der in deinem Leben etwas verändern kann. Der Mensch neigt ja schnell dazu zu jammern, wenn er vergisst in welchem Wohlstand er lebt. Ich kann das nicht lange ertragen, denn ich bin geerdet, realistisch und dankbar für alles, was ich habe. Ich finde, man hat kaum ein Recht sich über etwas zu beklagen, so lange man nicht alles versucht hat, es zu ändern. Wir haben in Deutschland sehr viele Möglichkeiten und ein gutes soziales Netz. Du sollst erkennen, was in dir steckt, welche wahnsinnigen Chancen du hast und konsequent und diszipliniert dranbleiben. Nicht meckern, sondern machen! Dann läuft's!

 

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