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Mein Weg zum Ultramarathon II
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Mein Weg zum Ultramarathon II

Mein Weg zum Ultramarathon II

Als die erste Träne sich löst, ist es schon fast eine Erleichterung. Jeder Schritt schmerzt und lässt meine Verzweiflung wachsen. Mit jedem Schritt spüre ich die kleinen und großen Steine des staubigen Forstwegs unter mir durch die Sohle meiner Schuhe stechen. Ein Blick auf meine Laufuhr wäre für viele ein Moment zum Jubeln, aber danach war mir gerade gar nicht: 42 km und über 1800 Höhenmetern lagen bereits hinter mir. Damit lagen aber auch noch 8 km zurück ins Tal vor mir. Und meine Fußsohlen brennen wie Feuer. Bis jetzt bin ich jeden Meter gelaufen, über drei Gipfel, endlose Almen, durch den Wald, unter und weit über der Baumgrenze. Stets begleitet von einem blauen Himmel und einer gnadenlosen Sonne.

Einige Monate zuvor, hatte ich mit meinem Lauftraining begonnen. 2 x 20 Minuten in der Woche. Das war im November und ich lief meist bei Dunkelheit und Kälte. Weit weg erscheint mir dieser Beginn, jetzt wo ich in der brennenden Sonne meinen ersten „Ultra“-Trainingslauf, 50 km über österreichische Alpenwege, fast geschafft hatte. Weit weg erscheint mir auch die Vorfreude, die ich verspürt hatte, als ich kurz vor meinem Start noch mit einem Freund telefoniert hatte und ich ihm von meinem Vorhaben erzählt habe. Weit weg die Motivation, weit weg die aufheiternden Stimmen meiner Freunde. Nur die Müdigkeit und der Schmerz waren so nahe und intensiv wie noch nie zuvor.

Da war er also dieser Moment. Der Moment wo es hart wird, wo für Freude kaum mehr Platz ist. Der Moment über den man locker redet, solange man selber noch nicht dort war.

Der Moment über den man im Vorhinein ganz leichtgläubig meint: Da muss man dann eben einfach durch. Ich hatte über diesen Moment viel gelesen. Jeder, der einem Ziel konsequent und mit Erfolg nachgeht, berichtet von diesem Moment. Sei es vor einem vollen Kühlschrank, wenn man seit Wochen schon an seiner Ernährung und am Gewichtsverlust arbeitet. Oder nach dem einen oder anderen Bier, wenn man den Drang einer Zigarette deutlicher als je zuvor verspürt, und man eigentlich schon damit aufgehört hatte. Oder wenn man die 20 letzten Seiten seiner Diplomarbeit vor sich hat und einfach nicht mehr mag. Das ist also der Moment wo man lieber aufgeben als weitermachen würde. Der Moment wo man schneller und mehr Gründe findet, warum man diesmal an seinem Ziel nicht festhalten muss.

Doch gibt man diesem ersten Impuls nicht nach, dann findet man genau in diesem Moment in sich eine Kraft, die sagt: bleib dran, gib nicht auf. Die das Durchhalten und am Ziel dran bleiben anziehender macht, als die kurzfristige Erlösung die man verspürt wenn man sein Ziel aufgibt. Die einen dazu bewegt, die Kühlschranktür wieder zu schließen, die die angebotene Zigarette verneint und die einen weiter auf die Tastatur tippen lässt. Doch wie findet man diese Kraft in sich? Ich bin mir sicher, dass es keine Patentlösung dafür gibt, daher will ich hier drei meiner bewährten Methoden beschreiben:

  • Sei vorbereitet:

Hindernisse sind ganz normale Bestandteile eines Weges. Sie sind kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Konsequenz – vielleicht sind sie sogar die logische Folge daraus? Bist du dir dessen bewusst, verlieren diese Hindernisse an Kraft und es wird dir leichter fallen, mit diesen Momenten umzugehen. Filme und Bücher über Ultraläufer haben mich auf diese Situation vorbereitet – ich wusste, dass der Moment kommt und mich prüfen wird. Jetzt, wo es so weit war, erinnere ich mich an die vielen Beispiele und wie sie überwunden wurden. Ich nutze die Erzählungen als Motivation mit meinem Moment genauso erfolgreich umzugehen wie meine Vorbilder in den Büchern und Filmen.

  • Visualisiere dein Ziel:

Blicke in die Zukunft und stelle dir vor wie du am Ziel ankommst. Fühle deinen Stolz und deine Freude, erfolgreich im Ziel angekommen zu sein. Versuche den Unterschied in deinen Gefühlen zu entdecken zwischen „ich bin dran geblieben“ und „ich habe aufgegeben“. Hier am Forstweg stelle ich mir die Blumen vor, die das Dorfschild schmücken und meine imaginäre Ziellinie bilden. Wie ich mich umdrehe und meine Arme vor Freude in die Luft reiße. Geschafft. Durchgehalten. Visionen sind wichtig, denn sie ermöglichen auch zunächst Unvorstellbares zu erreichen. So weckst du Kreativität und ungenutztes Potential in dir und machst deine Visionen zu deinem Ziel!

  •   Sei dein größter Fan:

Beobachte dich. Wie du vor einem einschneidenden Moment stehst und du dich entscheiden musst. Feuere dich an, gib dir Kraft, sei stolz auf alles was du schon erreicht hast und was du noch erreichen wirst. Glaube an dich und deine Fähigkeiten. Juble dir zu, wie du deinem Idol zujubeln würdest. Während ich einen Meter nach dem anderen zurücklege, werde ich zu meinen Idolen und juble mir zu.

Mich tragen diese Bilder und Gedanken aus dem Moment heraus und weiter hinunter ins Tal. Schritt für Schritt über den staubigen Forstweg. Und mit jedem Schritt wächst meine Kraft diesen Moment zu überstehen. Hier in diesem Moment finde ich nichts Romantisches oder Erstrebenswertes. Hier findet man nur die Möglichkeit, den inneren Willen und die Konsequenz unter Beweis zu stellen. Die Kraft seinem Ziel treu zu bleiben. Nicht aufzugeben. Auf den letzten Kilometern erreiche ich per Handy eine meiner drei liebevollen Schwestern und ihre kraftvolle Stimme und motivierenden Worte tragen mich förmlich ins Ziel. Dort erwarten mich das Dorfschild und die wunderbaren Blumen rundherum. Ich drehe mich um, blicke auf die Gipfel des Tages und werfe meine Hände in die Luft.

Kennst du auch diesen Moment, an dem du beinahe aufgegeben hättest? Wie bist du dann doch drangeblieben? Hinterlasse mir einen Kommentar oder schreibe mir an hallo@goalifyapp.com

Bleib dran!

Michael

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